Gedanken

Beziehung zwischen Meister und Schüler

Das Bild

Jeder Schüler hat ein bestimmtes Bild von seinem Lehrer. Er sieht ihn als Vorbild und Ratgeber beim Erlernen seiner Kampfkunst. Wenn er jedoch erkennt, dass sein Lehrer im Privatleben, wenn er nicht auf der Matte steht, auch nur ein Mensch ist wie jeder andere, mit Gefühlen und Fehlern, ist er vielleicht enttäuscht. Die Erkenntnis, dass das Bild was er von seinem Lehrer hat, nicht vollständig ist, kann den Schüler verunsichern. Deswegen sollte ein Schüler seinen Lehrer nie auf ein Podest stellen oder als „Oberguru“ sehen. Der Lehrer ist nur sein „Leitfaden“.

Lob

Ein Schüler kann enttäuscht sein, wenn sein Lehrer ihn nicht lobt. In den Kriegskünsten ist es so, dass sobald jemand gelobt wird, dieser aufhört nach Perfektionismus zu streben. In einer Kampfkunst sollte man aber nie zufrieden mit sich selbst sein. In dem Moment in dem man denkt gut zu sein, hört man auf sich weiter zu entwickeln. Viele Kriege sind verloren gegangen weil die Kämpfer zu früh glaubten schon gewonnen zu haben. Ein Kampf kann auch nach seiner Beendigung weiter gehen. Um diese Frustration zu überwinden, muss der Trainierende viel Geduld aufbringen.

„Die Geduld ist die Grundlage des Trainings“,

lehren uns die Richtlinien des Bujinkan, die seit drei Generationen von Toda Sensei zu
Takamatsu Sensei bis zu Hatsumi Sensei weitergegeben worden sind. Für uns sollte dieser Punkt die wichtigste Leitlinie sein. Für das eigene Training, aber auch für das ganze Leben.

Jeder Meister hat eine andere Art seine Schüler zu loben oder zu tadeln. In der Kriegskunst ist es so, dass das eigene Handeln nicht von Erwartungen bestimmt wird, wie zum Beispiel Lob, Erfolg, Ruhm oder Unbesiegbarkeit. Diese Dinge behindern die geistige Entwicklung und halten den Schüler davon ab, Geist und Körper in Einklang zu bringen, was Voraussetzung ist, um die vom Menschen so genannte „Perfektion“ zu erlangen.

Perfektion

Die eigentliche „Perfektion“ liegt im Akzeptieren der fehlenden Perfektion. So wie die Natur Fehler macht und sie auch selbst wieder korrigiert. Da der Mensch nicht von Natur aus perfekt ist, ist sein Handeln auch nicht perfekt. Leider liegt es auch in der Natur des Menschen andere dafür verantwortlich zu machen, z.B. Eltern oder Lehrer. Dabei liegt die wichtigste Erkenntnis darin, dass jeder Mensch für sich selbst verantwortlich ist.

Die Kampfkunst

Da die Kriegskünste von Menschen erschaffen worden sind und der Mensch nun mal
fehlerhaft ist, kann es auch keinen perfekten Kampfstil geben. In Asien gibt es viele Künste, z.B. Die Kunst der Liebe, die Kunst des Krieges, die Kunst des Heilens und die Kunst des Tötens.

„Es gibt keinen guten oder schlechten Kampfstil“

Es kommt immer auf den Vertreter eines Kampfstils an, ob er ihn „gut“ oder „schlecht“
vertritt. Die „Perfektion“ eines Kampfstils besteht darin, dass der Ausübende sich im
Kampf völlig auf den Gegner einstellt, ihn dadurch kennen lernt und ihn mit seinen
eigenen Waffen schlägt oder ihn durch seine eigenen Fehler besiegt.

Perfekter/guter Lehrer

Ein „guter“ Lehrer hat eine große Verantwortung gegenüber seinen Schülern. Das
Erste was diese lernen müssen ist, dass sie sich nur auf sich selbst verlassen können und
nicht nur auf Ihre Kampftechniken.

Hatsumi Sensei sagt, dass er auch noch nach 30 Jahren, nachdem Takamatsu Sensei
gestorben ist, immer noch seine geistige Gegenwart spürt. Eine so enge Beziehung zwischen Schüler und Lehrer setzt Liebe, Respekt und Loyalität voraus. Ob die Lehrer-Schüler-Bindung auch nach vielen Jahren bestehen bleibt, entscheidet der Schüler, der vielleicht selbst zum Meister geworden ist. Jeder Meister bleibt ein Schüler gegenüber seinem alten Meister. Es gibt Schüler die immer und ewig auf der Suche sein werden nach dem „perfekten Meister“. Diesen gibt es leider nicht, da dieser auch nur ein Mensch ist, der Fehler macht und dadurch nicht Perfekt ist. Das Ergebnis ist, dass der Schüler auf seiner Suche ein Leben lang enttäuscht wird.

Auch ein Schüler kann seinen Lehrer enttäuschen, aber dieser schweigt, wartet und weiß, es gibt auch keinen perfekten Schüler.

Ein Lehrer kann vieles von seinem Schüler lernen, aber der Schüler sollte nie versuchen, seinen Lehrer zu belehren.

Nikolaos Stefanidis, Shihan. 31.01.2010 © 2010
Ich Unterrichte nicht, deswegen sollt Ihr auch nicht Unterrichten was ich unterrichte“ (Zitat: Sensei Soke Hatsumi, April 2006)